räume für notizen | rooms for notes 2022

Am 2.2.1922 erschien punktgenau zu seinem 40. Geburtstag der Jahrhundertroman »Ulysses« von James Joyce in der Verlagsbuchhandlung Shakespeare and Company von Sylvia Beach in Paris. Mit seiner Polythematik und Polystilistik ist die irische Nationalepos-Satire um den Anzeigenakquisiteur und Antisuperhelden für einen Tag Leopold Bloom, die Sängerin Molly Bloom und Joyce’ Alter Ego Stephen Dedalus auf Basis von Homers »Odyssee« nach wie vor hochaktuell und bietet ein unerschöpfliches Reservoir an Inspirationen für alle Kunstrichtungen. Richtungsweisend wie kaum in einem anderen Werk sind darin moderne Fragestellungen mit Ästhetiken der Moderne verknüpft und umgesetzt. Eine besondere Verbindung besteht auch zu Zürich und Feldkirch (Vorarlberg): “Over there, on those tracks, the fate of Ulysses was decided in 1915”, bemerkte Joyce 1932, denn nur knapp war er am Bahnhof Feldkirch auf der Fahrt nach Zürich und zur Niederschrift des Romans entkommen. Zu etlichen Stilmitteln des »Ulysses«, etwa der vom Film geprägten literarischen Montage, dem Stream of Consciousness und der Onomatopoesie bestehen auch Anknüpfungspunkte zur transmedialen Poesie. Daher wird aus Anlass des palindromischen Jubiläums eine Standortbestimmung des ikonischen Monumentalromans unternommen, mit Performances, Lesungen und Text-Bild-Präsentationen von Autor:innen aus dem angelsächsischen Raum und der Schweiz sowie aus Österreich vor allem von Autor:innen, die von September 2020 bis August 2021 im Rahmen von #feldkirchenjoyce (Projekt der Stadt Feldkirch, Literatur Vorarlberg und dem literatur:vorarlberg netzwerk) in der Feldkircher James-Joyce-Passage literarische Interventionen realisierten und Beiträger:innen zur Literaturzeitschrift V#37 Ulysses#100 sind. Im Ausstellungsteil gestalten transmediale Künstler:innen entsprechend den 18 Episoden des »Ulysses« 18 Stationen in der Kunsttankstelle Ottakring mit ihren Exponaten.
(Günter Vallaster)

Teilnehmer:innen an der Ausstellung »Ulysses 100 in 18 Stationen«:
Iris Colomb, Natalie Deewan, Christian Futscher, Jochen Höller, Angelika Kaufmann, Anatol Knotek, Erika Kronabitter, Nicolas Mahler, Chris McCabe, Tom Phillips, Jörg Piringer, Renate Pittroff, Sarah Rinderer & Christa Wall, Bernadette Stummer, Christoph Theiler, Günter Vallaster, Hannes Vogel, Andrea Zámbori.
Dazu: »Hades« – Schreibmaschinenstation.

Ausstellungsdauer: Mi, 2. Feb. – Sa, 12. Feb. 2021
Öffnungszeiten: täglich 16.00 -20.00 Uhr
galerie wechselstrom & Kunsttankstelle Ottakring | Grundsteingasse 44 & 45-47, 1160 Wien

Dienstag 1.2.2022, 19.00 Uhr
Alte Schmiede

Was geschieht am Tag nach dem der »Ulysses« endet? CHRIS MCCABE präsentiert mit »THE DAY AFTER ULYSSES« eine Lesung aus seinem Roman »Dedalus« (2018), in der er kreativ die Herangehensweisen erkundet, die James Joyce im digitalen Zeitalter eingeschlagen haben könnte. McCabe erfindet das Leben von Joyce’ Figuren neu und erkundet die Möglichkeiten experimenteller Fiktion für das 21. Jahrhundert. Mit Computerspielen, Social Media und Klangexperimenten gestaltet McCabe sein Buch als Hommage an Joyce’ Meisterwerk. CHRISTIAN FUTSCHER trägt seinen Text »Schwupp, Hatschi« vor, der im Zusammenhang mit seiner Joyce-Installation in Feldkirch entstanden ist. Dazu gibt es Fotos der Installation und Meeresgeräusche inklusive Möwengeschrei. ERIKA KRONABITTER zeigt in ihrem »Letter to James Joyce« die Wahrheit über Molly Bloom.

Moderation: Günter Vallaster

CHRISTIAN FUTSCHER, *1960 in Feldkirch, lebt seit 1986 in Wien, wo er eine Zeitlang Pächter eines Stadtheurigen war. Zahlreiche Preise, darunter der Dresdner Lyrikpreis (2008), und Veröffentlichungen. Zuletzt: Mein Vater, der Vogel, Czernin, Wien, 2021; Kleine Bälle, illustriert von Uwe Schloen, Huck Finn, Bremen, 2020; Das Pfeifen der Gräser, Czernin, 2020; Gute Reise, Eierspeise!, illustriert von Raffaela Schöbitz, Picus, Wien, 2020.
ERIKA KRONABITTER *1959, setzt Schriftlinien entlang der Lebenslinien, mäandert zwischen Wien und Bregenz, Genres und Disziplinen. Zahlreiche Ausstellungen und Veröffentlichungen, zuletzt 2020 und 2019 Ausstellung im WUK Wien (A), Text und Film, 2016 in der Galerie Zeemeermin (NL), Bra Participation. 2019 erschien die Übersetzung ihrer Lyrik ins Italienische sei lontano solo un battito del cuore (Übersetzung: Sabrina Stabile) bei Art Science, die Übersetzung ihres Romanes La Laguna auf Spanisch (Übersetzung: Olga Sanchez-Guevara), im Verlag escritura entre las nubes, Teneriffa, ein Podiumporträtband (Hg. Hannes Vyoral) sowie aller anfang ist leicht in der Edition Fröhliches Wohnzimmer, 2019. Manchmal Preise oder Stipendien. www.kronabitter.com
CHRIS MCCABE, *1977 in Liverpool, lebt in London. Sein Werk umfasst Kunstformen und Genres wie Poesie, Fiktion, Sachbuch, Drama und bildende Kunst. Seine Arbeiten wurden für den Ted Hughes Award und den Republic of Consciousness Prize nominiert. Sein erster Roman, Dedalus (Henningham Family Press, London, 2018), ist eine Fortsetzung von Ulysses, sein zweiter Roman, Mud (Henningham Family Press, London, 2019), eine Version der Legende von Orpheus und Eurydike, spielt unterhalb von Hampstead Heath. Seine neueste Gedichtsammlung ist The Triumph of Cancer (2019), eine Poetry Book Society Recommendation. Er ist Mitherausgeber von The New Concrete: Visual Poetry in the 21st Century (Hayward Publishing, London, 2015). chris-mccabe.blogspot.com

Mittwoch 2.2.2022, 20.00 Uhr
Kunsttankstelle Ottakring

»Where do you begin in this« von IRIS COLOMB ist eine performative Wiedergabe eines privaten Leseerlebnisses. Instinktiv tastet, kaut, schlägt und wälzt sie sich durch Joyce’ »Ulysses«. Diese poetische Performance, die vollständig aus Romanfragmenten aufgebaut ist, verdreht und verdreht Joyce’ Worte zu einer neuen lyrischen Stimme, die zugleich zerbrechlich und trotzig ist. Ein Eindringling, gefangen im Text, taucht durch und auf, jenseits und trotz der berühmt-berüchtigten Komplexität des Werkes.
RETO HÄNNY folgt in einer 25-Minuten-Komplettlesung aus »Blooms Schatten« (2014) buchstäblich in einem Satz den Spuren des »Ulysses« und seines Hauptprotagonisten Leopold Bloom auf seiner „Odyssee eines Annoncenakquisiteurs weder ohne Furcht noch ohne Tadel“.
Leise, ganz pianissimo! muss die nachts wach liegende Sängerin Molly Bloom im letzten Kapitel des »Ulysses« sein (um ihren schlafenden Ehemann nicht zu wecken). Ihr innerer Gedankenfluss ist fast gänzlich frei von Interpunktionszeichen – bis auf den Schlusspunkt. Dieser wird im Live-Klangstück »púnct! ingh oles (sic) in iSpace?!« von SARAH RINDERER, und CHRISTA WALL zum Ausgangs-punkt, mit Molly Bloom aus der Stille auszubrechen: luftholend, laut-poetisch, kontra-punktierend zwischen Text und Gesang, Stimme und Raum?!

Moderation: Renate Pittroff

IRIS COLOMB lebt als Dichterin, Künstlerin, Performerin, Kuratorin und Übersetzerin in London. Ihre künstlerische Praxis untersucht verschiedene Beziehungen zwischen visuellen und gesprochenen Textformen anhand von Performances, Buchobjekten und experimenteller Übersetzung. Sie hat drei Lyrikhefte veröffentlicht: I’m Shocked (Bad Betty Press, 2018), just promise you won’t write (Gang Press, 2019) und Flakes of Fickle Quicklime (Earthbound Press, 2020). Sie ist Gründerin der investigativen Poesie- und Performanceplattform SLANT und Mitherausgeberin von HVTN Press. www.iriscolomb.com
RETO HÄNNY, *1947 in Tschappina (CH), er- bzw. überarbeitet seit den späten 70ern sein von äußerster sprachlicher Dichte gekennzeichnetes Prosawerk, u.a. Ruch. Ein Bericht (1979/1984) und Helldunkel. Ein Bilderbuch (1994).
SARAH RINDERER, *1994 in Bregenz, lebt und arbeitet als Autorin und Künstlerin in Wien. Beschäftigt sich in Prosatexten und konzeptbasierten Arbeiten, in Lyrik und Künstler:innenpublikationen mit der Sprache an sich, ihren Leerstellen, Weiß- und Zwischenräumen. Erzeugt in ihren Arbeiten durch Zusammenfügen, Überlagern, Übersetzen, Verdichten und Aussparen poetische Momente des Innehaltens. Zuletzt erhielt sie für ihre Texte den 2. Preis beim FM4 Wortlaut und den Feldkircher Lyrikpreis. www.sarahrinderer.at
CHRISTA WALL, lebt und arbeitet als Performerin und Soundartist in Wien. Berührt mit ihren Fühlern die Räume zwischen Performance und Gesang, Poesie und Ritual, Volkskultur und Queerness und lädt in ihren Arbeiten ein, sich an der Kultivierung von Erzählungen der Re_spons_sensibility zu beteiligen. In ihren Klangwelten treffen sich aquatisch poetische Klänge und lockende Gesänge, die von liebevollen Körpern komponiert werden.

Freitag 4.2.2022, 20.00 Uhr
Kunsttankstelle Ottakring

Buchpräsentation
ILSE KILIC und FRITZ WIDHALM
Wir sind wir selbst und ich und du, wir sind Weide, wir sind Kuh. Des Verwicklungsromans zwölfter Teil (edition ch 2021)

Mit seinen mittlerweile weit über 1000 Seiten hat der seit 1999 biennal erscheinende »Verwicklungsroman« von ILSE KILIC und FRITZ WIDHALM alleine von seinem Umfang her »Ulysses«-Dimensionen erreicht. Und mit den zahlreichen Episoden, Wanderungen und Figurenverflechtungen zeigen sich auch Parallelen zu einer Odyssee, die aber durch die Wiener Alternativkultur führt. Im zwölften Teil befinden sich die Jana und der Naz, die Alter Egos der beiden Autor:innen, mitten in der literarischen Tätigkeit, betätigen sich in der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und bemühen sich um literarisch kollegiales Miteinander. Dementsprechend beinhaltet der Mittelteil auch Einladungen zu Lesungen an Orten, die es verdienen, dokumentiert und festgehalten zu werden.

Moderation: Günter Vallaster

ILSE KILIC, *1958 in Wien, lebt im Fröhlichen Wohnzimmer. Prosa, Lyrik, Songs, Zeichnungen, Filme; Herausgabe der Edition Das fröhliche Wohnzimmer. Zuletzt: Die Nacht ist dunkel, damit die Sterne sich zeigen. Gedichte (edition zzoo 2020).
FRITZ WIDHALM, *1956 in Feichsen, NÖ, lebt als Autor in Wien. Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und der Austrian Filmmakers Coop. Bücher (zuletzt): heute. ein letztes buch, Klever Verlag 2016 und gem. m. Ilse Kilic Meistens sind wir einfach soso lalalala (2019). www.dfw.at/

galerie wechselstrom & Kunsttankstelle Ottakring | Grundsteingasse 44 & 45-47, 1160 Wien

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