Cover Polylog Günter Vallaster

2010, 48 S., ISBN 978-3-901015-45-8 (= raum für notizen 4), vergriffen.
Hg. von Juliana V. Kaminskaja und Günter Vallaster.
Mit einem Vorwort und Übersetzungen von Juliana V. Kaminskaja.
Coverbild: © Günter Vallaster

Ein visuellpoetisches Kaleidoskop mit 20 Beiträgen zum Thema „Grenzüberschneidungen” von Dmitrij Avaliani, Tamara Bukovskaja, Volker Demuth, Klaus Peter Dencker, Alexandr Gornon, Christine Huber, Ilse Kilic, Boris Konstriktor, Sergej Kovalskij, Valerij Mischin, Asja Nemtschjonok, Elisabeth Netzkowa, Jörg Piringer, Roza Rueb, Pavel Schugurov, Petra Johanna Sturm, Leonid Tischkov, Liesl Ujvary, Günter Vallaster und Fritz Widhalm. Vorwort und Übersetzungen: Juliana V. Kaminskaja. Cover: Günter Vallaster. Lektorat: Jelena Dabic.

„Ein Polylog der Visuellen Poesie“ als Tableau de Texte auf in|ad|ae|qu|at

Vorwort von Juliana Kaminskaja (auch als PDF):

Leonid Tischkov

Ein Mensch steht im Licht. Vielleicht hat er einen Sprung vor – in eine andere Realität, aus dem Werk, das man jetzt gerade betrachtet? Das bleibt unklar. Wenn es um einen Selbstmordversuch gegangen wäre, hätte sich der Protagonist wohl nicht so sportlich ausgerüstet. Er hätte wahrscheinlich auch nicht auf Ski gestanden. Trotzdem erinnert die Situation nicht zu sehr an gewöhnliches Skispringen. Der Mensch weilt ja nicht in der Natur, etwa auf einem Berg. Er steht auf dem Dach eines 24-stöckigen Moskauer Hauses. Es wird von vielen Leuten bewohnt, was aber nichts daran ändert, dass dort, wo das Gebäude endet, der Schnee immer noch unberührt bleibt. Man könnte sich vorstellen, der seltsame Sportler macht seine Sprünge in Gedanken, stehend, im Raum, wo scheinbar Unmögliches Realität werden kann. Oder will er sich nur einmal richtig umschauen, sich selber in so einer nun wirklich extremen Situation sehen, an der Grenze, an den Grenzen, dort, wo seine einsame Skispur aufhört? Das kann er – mit Hilfe der ironischen Distanz einer Person, die zuschaut, filmt und/oder das Gefilmte betrachtet.

Das als visuelles Epigraph angeführte Foto ist Fragment einer Video-Installation des russischen Künstlers Leonid Tischkov (geb. 1953). Das unermüdliche Wandern seines „Sk(y)ier“s konnte man Ende 2009 in Moskau bei der Ausstellung „Licht ist überall“ sehen. Es schien mir gleich, dass der Sportler in der lustigen Strickmütze unsere Anthologie als Empfangskomitee aus einer Person eröffnen kann. Im Filmausschnitt gewann für mich diese Gestalt, die seit einem Jahrzehnt im Schaffen ihres Autors lebt, einen besonderen Wert. Sie wurde zu einer Verkörperung der experimentellen Poesie als einer Kunst, mit besonderer Konsequenz alle möglichen Grenzen auf unterschiedlichste Weisen zu überqueren. Die Betrachtung der Werke, die wie Spuren auf dem Schnee von zustandegekommenen inneren und äußeren Prozessen zeugen, lässt bizarre Gedankengänge oder eher Gedankensprünge der Künstler*innen und ihres Publikums sowie wesentliche Vorgänge in der heutigen Kultur zum Vorschein kommen.

Sichtbar oder unsichtbar schwebt die Poesie über Trennlinien. Unermüdlich wie der „Sk(y)ier“ versucht sie in visuellen Experimenten an die Grenze zum Verstummen zu gelangen, sie zu überqueren. So entstehen poetische Sprünge in die Sphäre jenseits des Verbalen, ins Unmögliche, Sprünge über den eigenen Schatten, der trotz allem haften bleibt, wie die weißen Buchstaben, die auf den halbdurchsichtigen Schutzblättern im Buch von Volker Demuth „Das Material des Sanddornschattens“ den schwarz gedruckten Text vorwegnehmen: Man kann sich von ihnen bei der Lektüre nicht vollständig lösen, ohne das kostbare Exemplar zu zerstören.

Schweigend rücken verschiedene Sprachen einander näher, so dass auch die geographischen Grenzen ihre Bedeutung als Trennlinien verlieren. Die Überwindung der räumlichen Schranken lässt auch einige zeitliche Barrieren schwinden. Trotz aller sonstigen Differenzen tritt am Anfang des 21. Jahrhunderts die kosmopolitische Offenheit der experimentellen Poesie von vor hundert Jahren wieder ins Licht. Zwischen dem Schaffen der historischen Avantgarde und den heutigen Experimenten gab es eine längere zeitliche Distanz, innerhalb deren die sich in Interaktionen äußernde Korrespondenz zwischen KünstlerInnen verschiedener Länder durch den Totalitarismus verhindert blieb. Erfreulicherweise gelingt es auch diese Absperrung zu überwinden. Ob man dabei mit Computer wie Ilse Kilic, mit Landkartentexten und -bildern wie Günter Vallaster und Petra Johanna Sturm oder mit echtem Rauch und verbranntem Papier wie Boris Konstriktor Gedichte zeichnet, hat keine zentrale Bedeutung. So oder anders überschneiden sich die mannigfaltigen Flugbahnen der Springer bei Grenzüberquerungen, die unternommen werden, um die Demarkationslinie zwischen den Schaffenden und Wahrnehmenden zu verwischen.

Leonid Tischkov schrieb mir über seinen „Sk(y)ier“-Film: „Das Wichtigste ist, dass ich meine Arbeiten immer mit einer poetischen Komponente zu schaffen versuche, es ist sogar so, dass ich gerade ausgehend von einer poetischen Vorstellung etwas zu tun beginne. Die Verstofflichung der Poesie ist die Aufgabe, vor der ich als bildender Künstler stehe“. Zu einer Verstofflichung in diesem Sinne wird auch unser Buch. Es enthält Werke, die sich vom althergebrachten Verständnis der Literatur distanzieren und so scheinbar paradox die Tradition der Befreiung von der Tradition fortsetzen. Die poetische Grundlage verbindet die sonst so unterschiedlichen Werke in den „Grenzüberschneidungen“ – was auch immer die Künstler und Künstlerinnen unter Poesie genau verstehen. Ein Polylog als poetische Kommunikation kommt zustande und kann ganz sicher weitergeführt werden.

Juliana V. Kaminskaja

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